** Triggerwarnung ** Vermutungen (Kindheit)

Aus irgendeinem Grunde sind mir nach dem letzten Termin mit meiner Traumatherapeutin Bilder und Szenen aus meiner Kindheit in den Kopf gekommen und lösten Fragen aus.

Bisher war ich fest davon überzeugt, dass mein leiblicher Vater der Überltäter in meiner Kindheit war. Mein Stiefvater war eigentlich eine Nebenrolle. Nun scheint sich das Bild zu wenden und die beiden Männer vollziehen in Gedanken einen Rollentausch.

Ich habe in meiner Kindheit bis zum Auszug aus dem Haus meines Stiefvaters unter massiv körperlicher Gewalt gelitten. Es gab praktisch nichts, was ich “richtig” gemacht habe. Es gab nur Dinge, die ich “falsch” gemacht habe und das wurde entsprechend mit Strafen honoriert. Teilweise täglich erhielt ich meinen “Hintern-voll” und ich bemerkte damals schon, wie sehr mich das tatsächlich mitnimmt.

Mein Stiefvater besaß damals so ein VW-Käfer Cabrio. Und der Auspuff von diesem Auto hatte einen ganz bestimmten Ton.. er “flötete”. Wenn er von seinem Schichtdienst als Busfahrer nach Hause kam, fuhr er immer einen ganz bestimmten Weg. Und wenn ich diesen Sound vom Auspuff zwischen den Häuserschluchten hörte, begann ich zu zittern und prüfte in Bruchteilen von Sekunden, ob ich heute irgendetwas gemacht habe, was seinen Zorn hervorbringen konnte.
Wenn es irgend etwas gab (wie meistens) – Glas nicht in der Spüle, Schuhe nicht abgetreten, irgendwas nicht zurück gelegt – versteckte ich mich auf dem Dachboden und wartete dort, bis meine Mutter nach Hause kam.

Manchmal konnte ich nicht im Versteck bleiben, weil ich aufs Klo musste oder weil mir die Beine eingeschlafen sind oder sonstige Gründe. Also ging ich dann runter (wir wohnten in einem älteren Eigentumshaus) und versuchte zu erahnen, ob er diesen oder jenen Fehler bemerkt hätte und zur Not würde ich es dann noch schnell beseitigen.

Doch manchmal lief ich ihm dann direkt in die Arme und dann nahm meine Vorahnung Gestalt an: er hat es bemerkt, er hat sich drüber aufgeregt, er stellte mir komische Fragen, er kochte sich hoch und dann gabs entweder “Watttsch!” gleich ‘ne Backpfeife, die ich selten habe kommen sehen oder er kochte noch höher, grff mich fest, dass ich mich nicht befreien konnte, zog mir die Hosen runter und versohlte mir den Hintern.

Ich hoffte irgendwie immer, das die Geschichten vom Schulhof irgendwann auch bei mir funktionierten, das man das irgendwann nicht mehr spürt. Doch bei mir blieb das aus. Jeder verdammte Schlag tat mir weh. Jedesmal.. und aus heutiger Sicht verletzte mich auch dieses Ausgeliefert sein. Und das dies wahrscheinlich auch nie aufhören wird.

Letztlich, was mich heute mit 54 Jahren immer noch so fertig macht ist, ich fühle mich immer noch innerlich gebrochen. Kleine Entscheidungen kann ich ganz gut treffen, doch je größer und umfangreicher sie werden, desto unsicherer bin ich. Das geht soweit, dass ich – obwohl gefühlte 1.000 Leute den Erfolg eines Projektes diagnostizieren, ich mich dennoch nicht traue, es umzusetzen.

Ich suche immer noch nach einem Seegen für große Entscheidungen und habe immer noch Angst, mich falsch zu entscheiden. Es ist verflixt und für mich nicht nachvollziehbar, denn selbst die plausibelsten Beweise durch meine beinahe schon forensische Vorgehensweise (an “ALLES” denken), genügen nicht, eine selbstbewusste und eigenständige Entscheidung zu treffen.

Wahrscheinlich sind es irgendwie beide. Also mein Vater, der dieses “Regeln aus dem Hut zaubern” als Vorarbeit leistete, auch eine harte Hand und kurze Lunte hatte. Dem gegenüber dann mein Stiefvater, der damals keine Kinder hatte, mit mir eine fremde Brut von 7 Jahren vorgesetzt bekam und bis zu meinem 15. Lebensjahr sich nicht eine Sekunde in Frage stellte, ob er den Bogen nicht überspannt, weil er auch viel Prügel bekam und als eigene Abhärtung mit 17 auf See ging.

“Nur für Heute” – werde ich versuchen, diese Bilder, diese Szenen einfach nur zu betrachten.
Nur für heute, kann ich sehen, das ich es überlebt habe.
Nur für heute will ich versuchen mich daran zu erinnern, dass dies alles im Gestern ist. Es ist nicht im Heute. Es kann mir heute nichts anhaben.

 

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