Heißer Stuhl, Mobbing inklusive

Heißer Stuhl ist ein phychotherapeutisches Werkzeug, um den Klienten mit einer bestimmten Situationen oder Verhaltensweise zu konfrontieren. Es wird unter anderem dort eingesetzt, wo sich der Klient beispielsweise einer Konfrontation entzieht oder einer Selbstreflexion verweigert.
Die “Spielregeln” sind in aller Regel recht einfach:

  • Position des Klienten in der Mitte des Teilnehmerkreises
  • “Redeverbot” bis zum Abschluss der Konfrontationsrunde
  • Teilnehmer konfrontieren der Reihe nach (selten auch gleichzeitig) die Zielperson mit eigenen Eindrücken, Ansichten, Konsequenzen seines Verhaltens in Bezug auf eine bestimmte Thematik

Das Werkzeug wird heute immer seltener eingesetzt, da die (Ein-)Wirkung auf den Klienten sehr massiv ist. Ebenso besteht die Gefahr, dass wenn die Moderation durch Therapeuten unsensibel oder der Situation nicht angemessen vorsichtig ist, die teilnehmenden Klienten über das Ziel hinausschießen und letztlich die Zielperson triggern und statt zur Einsicht nur zu Überreaktionen bringen, die im gleichen Maß wie das Einwirken dann herausplatzen. Diese können dann zu heftigen Reaktionen wie Wut, physischer Aggression und Gewaltausbrüchen führen oder eben auch zu Panikattacken.

In meinem Falle gab es unter den teilnehmenden Klienten Zwei, die diese Situation ausnutzten, um ihr Mobbing fortzusetzen um es beim “heißen Stuhl” auf die Spitze zu treiben, mit konstruierten Empörungen, diffusen Beleidigungen und nicht konkretisierten Andeutungen.

Situationsbeschreibung: Ausgehend einer wieder einmal isolierten Lebenssituation, also totaler Rückzug, einer extrem depressiven Episode mit fehlendem Selbstwert, Motivation und Lebenssinn entschloss ich mich aus meiner Wohnung in eine betreute WG zu ziehen.

Damals war ich Ende 20. Eine Wohngemeinschaft, die meinen speziellen therapeutischen Rahmen bedienen könnte gab es leider nicht. Damals in Berlin gab es solche Einrichtungen entweder im Suchtbereich oder für Klienten mit mehr als einer seelischen Behinderung, also auch körperlich, kognitiv und psychiatrisch. Ich hätte alternativ sabbern, eine Psychose oder sonstige Verwirrtheitssymptome zeigen müssen.

Da mein Leidensdruck immer größer wurde, entschloss ich mich den nächstbesten freien Platz zu ergattern, da auch die Wartezeiten mit 4-10 Monaten beinahe unerreichbar schienen. Die Wahl fiel auf eine Suchttherapeutische WG mit Schwerpunkt Alkoholabhängigkeit, denn meine bereits überwundene schwere Drogenabhängigkeit wurde mir von der Suchtberatung als Eintrittskarte empfohlen, um als Notfall die Warteliste überspringen zu können. Das diese Empfehlung im Endeffekt riskant war, steht auf einem anderen Blatt, bzw. sollte in einem eigener Beitrag erörtert werden.

Letztlich – aus heutiger Sicht! – war die Einrichtung mit meiner latenten Suizidalität und meinen chronischen Depressionen überfordert, die Notwendigkeit der Traumaarbeit wurde weder erkannt noch wurde danach gesucht. Damals war mir eben auch noch nicht klar, das der Knackpunkt meiner Depressionen in den erlebten schweren Kindheitserlebnissen lagen. Ich selber konnte es auch nicht mehr hören, zudem war es als heranwachsender Mann mehr als Scham besetzt, permanent mit den Trauma-Echos konfrontiert zu sein, wenn ich im alltäglichen Leben mit den Konsequenzen meiner Überreaktionen und impulsiven Verhaltensweisen zu tun bekam.

Zurück zum “heißen Stuhl”: Die therapeutische Leitung der WG versuchte (möglicherweise wirklich auf ernsthafter Basis) meine Lebensunlust in den Griff zu bekommen. Ich selbst bemühte mich ebenso redlich und aufrichtig. Zwischen den latenten Tiefpunkten, also ausgedehnte Talsohlen gab es durchaus auch gute Phasen, in denen ich meine Talente, meine Fähigkeiten und meinen ausgeprägten Gemeinschaftssinn unter Beweis stellen konnte. Das diese jedoch nicht lange anhielten, wurde zu einer Last der Gruppe.

Die zwei oben genannten Mitbewohner lebten schon einige Jahre in der WG und haben sich auch ihre Freiräume geschaffen. Einige waren für mich eben nicht akzeptabel, da ich von Hause aus eher regelkonform lebe. Dies war den Beiden ein Dorn im Auge. Ebenso – aus heutiger Sicht! – hatten beide ausgeprägte narzistische Störungen, beinahe schon kultivierte Narzisten. Und die von Beiden oftmals offen gezeigte Ablehnung fand dann beim “heißen Stuhl” die Premiere.

Das Endergebnis dieser therapeutischen Maßnahme war ein Nervenzusammenbruch, der am gleichen Abend mit der Einweisung in die geschlossene Psychiatrie endete. Als ich nach drei Tagen wieder auf die “Offene” gelegt wurde kam die Leitung der WG (ein Ehepaar, die als Quereinsteiger in Suchttherapeutischer Arbeit die Wohngemeinschaft gründeten) zu Besuch und gaben mir meine Wahrnehmung zurück. Sie entschuldigten sich aufrichtig, nachdem sie die Hintergrundgeschichte von mir hörten und eben auch plausibel nachvollziehen konnte, dass ich im extremen Konflikt stand, das Mobbing der beiden Klienten nicht zu benennen, da ich keine Petze sein wollte und schon gar nicht in dem Moment, wo die beiden mich beim “heißen Stuhl” auseinander genommen haben. Das Ehepaar hat mir versprochen, dieses Werkzeug nie wieder anzuwenden, da sie eingesehen haben den Teilnehmern nur bis vor den Kopf gucken zu können und unreflektierte, “noch” kranke Narzisten eben die besten Schauspieler sind.
Soweit ich es verfolgen konnte, ich hatte ja auch “Freundschaften” geschlossen, hatten die Eheleute das tatsächlich auch nie wieder getan.

Zusammenfassend unter dem Strich ist dies wieder einmal eine der Retraumatisierungen, die ich durch diejenigen erfahren habe, die es als Bedingung stellen “vertrauen zu müssen“, da sonst die therapeutische Arbeit nicht funktionieren könnte.

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