Virtuelle Währung – Vertrauen

Vertrauen in der Psychotherapie kann man durchaus als Währung bezeichnen. Zumindest tue ich das. Denn ohne Vertrauen ist ein Arbeiten an empfindlichen Punkten gar nicht möglich.

Wenn die Seele wund gescheuert ist, genügt es vollkommen nur über Sand zu sprechen um für den Leidenden ein fürchterliches Chaos auszulösen. Wenn der Therapeut dies provoziert jedoch nicht abfangen kann, begeben sich beide auf gefährliches Terrain!

Ich für meinen Teil kann getrost auf zusammengezählt 50 Monate Erfahrung in stationärer Therapie, 30 Jahre Selbsthilfegruppen und beinahe ebenso lange Begleitung durch Ärzte in der Neurologie und Psychiatrie zurückgreifen. Ich kann ebenso auf reichlich aufgearbeitete Themen zurückblicken, auf eine überwundene schwere Drogen- und Alkoholabhängigkeit und führe heute ein recht selbst reflektiertes und bewusstes Leben, vor allem durch, wegen und trotz meiner chronischen schweren Depression. Diese Krankheit ist mein täglicher Begleiter. Mal gehts ganz gut, mal ist sie gar nicht zu spüren und manchmal reißt sie mir den Boden unter den Füßen weg und ich sitze wieder in der Kiste der Depression.

Die Depression ist wie in einer dunklen Kiste zu sitzen, bei der die Anleitung zum rausklettern draußen drann steht.

Letztlich gehöre ich zu den wenigen, die durch ihr Fachwissen um die Depression, um therapeutische Konzepte und auch deren Ansätze eine gewisse Einschätzung haben und kann meine Wünsche halbwegs gut formulieren. Ebenso weiß ich in Behandlungen, was ich definitiv nicht mehr will.

Um nun auf den Punkt des Vertrauens zurück zukommen: Wenn ein therapeutisch arbeitender Arzt oder ein Therapeut nicht in der Lage ist mir zu vertrauen, das ich dies oder jenes bereits aufgearbeitet habe und gerne das und jenes jetzt in Angriff nehmen will, was soll mich dann dazu bewegen, jetzt (mal wieder) dieser “Fachkraft” zu vertrauen?

Ich habe in meinem Leben bereits psychotherapeutische Steinzeitmethoden überlebt, also Arbeitsweisen, die heute nicht mal mehr mit der Kneifzange angefasst werden, bzw. an Körperverletzung grenzen – beispielsweise “heißer Stuhl” ohne sich über die Motive der teilnehmenden Klienten bewusst zu sein und damit ein erlaubtes Mobbing vollzogen haben.

Ich habe immer wieder vertraut, immer wieder einen neuen Vorschuß gegeben doch irgendwann grenzt das an stumpfe Naivität. Heute nehme ich mir immer häufiger das Recht raus, die jeweilige Bezugsperson nach ihrem favorisierten Konzept zu fragen und im Zweifelsfalle abzulehnen.

Zum Beispiel bin ich kein Freund der Schematherapie. Das Konzept ist mir schlicht zu einfach. Es grenzt persönliche und individuelle Traumata eher aus und man spricht dort gerne von dysfunktionalen Werkzeugen und zieht ständig Parallelen zum Borderlinesyndrom.

Die Beachtung der Traumata klingt nach einem Übel, das man notgedrungen ertragen muss um mit dem Patienten zu arbeiten und nicht nach einer Hilfestellung, das Trauma aufzuarbeiten und zukünftig Überreaktionen bei Trauma-Echos zu vermeiden. Eher werden die Überreaktionen als Ausweichreaktion missdeutet, die man dem Patienten austreiben muss.

Mir ist schon länger bewusst, dass viele offensichtlichen Probleme durch Depressionen oftmals nur sichtbar gewordene Symptome sind, wie Panikattacken, Ohnmachtsanfälle, Isolation, selbstverletzendes Verhalten, Substanzmissbrauch und -abhängigkeit, Wutausbrüche und Aggressionen, Verwirrungszustände und Wahrnehmungsstörungen. Und das diese Symptome unbehandelt zu weiteren schweren Krankheitsbildern erwachsen können.

Für mich ist es wichtig, die Ursachen zu ergründen, den Knoten in der Leitung zu lokalisieren und neben dem Aufarbeiten der Verhaltensauffälligkeiten gleichzeitig auch den ursprünglichen Auslösern genug Raum zu geben um zu heilen.

Und das ist für mich nicht mit den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen in Übereinstimmung zu bringen, bzw. ist es für mich befremdlich, dass auf den Einsatz der Brechstange ins scheinbar emotionale Korsett immer noch zurückgegriffen wird – nicht im Einzelfall sondern eben pauschal!
Daraus ergibt sich dann nämlich, dass Patienten mit beachtlichen früheren Behandlungserfolgen oder durch Genesung in Eigeninitiative auf das Niveau des themenfremden “Beginners” herunter gebrochen werden. Dieses permanente (gefühlt) überall anzutreffende Zurechtstutzen auf einen kalkulierbaren Kostenfaktor und kontrollierbaren Patienten verhindert im Grunde eine Ausheilung und langfristige Beschwerdefreiheit. Es produziert Drehtüreffekte in der Psychiatrie – auf lange Sicht unnötige Kosten und vor allem auch unnötiges Leiden.

Wenn eine therapeutische Bezugsperson meine Wünsche nicht respektiert, mir nicht Glauben machen kann mich aufzufangen, wenn ich im Rahmen einer Aufgabe die Fassung verliere, mir auch noch mitteilt “Psychotherapie sei Körperverletzung“, dann fallen für mich jegliche Vorhänge mit diesem Menschen zusammen an meinen intimsten Themen arbeiten zu wollen.

Wenn obendrein diese Reaktion auch noch als Therapieunwilligkeit interpretiert wird, zeigt es für mich eine sehr mangelhafte Professionalität!

Was machen all die Menschen, die dazu nicht in der Lage sind…  sich mitzuteilen, Wünsche zu äußern und ihre Belastungsgrenzen zu wahren?

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