Traumaarbeit in Eigenregie

Mein Vater!
Als Mensch wird man mir niemals soviel Schaden zufügen können, das ich nicht mehr in der Lage wäre, zu vergeben. Dir sei vergeben!
Als Sohn jedoch, trage ich die von Dir an meinem Körper, an meiner Seele und an meinem Geist zugefügten Narben ein Leben lang herum. Der Schmerz, ist immer noch zu spüren. Mein flehen und betteln wurde von Dir nicht wahrgenommen, mehr noch: es machte Dich noch wütender.
Als Sohn werde ich Dir das nicht verzeihen. Es ruinierte langfristig den Weg, den ich gehen wollte, es schränkte mich ein und reduzierte mich jahrzehntelang auf diesen Schmerz.

Eine Therapeutin sagte zu mir, als ich freudestrahlend berichtete, ich hätte Vergebungsarbeit geleistet, “Warum muss man denn vergeben? Sie haben ein Recht auf Ihre Wut!” – Das machte mich nachdenklich.

Nachdem ich aus meiner Gebetsmühle wieder heraus kam, blieb ich dabei, das meine Vergebungsarbeit ein wichtiger Schritt war, um Backsteine aus meinem Rucksack zu entfernen.

Diese Vergebungsarbeit war nicht etwa ein Schalter umlegen und alles ist wieder gut. Nein, im Gegenteil.

Diese Aufgabe zog sich über ein paar Jahre hin. Ich besuchte in dieser Zeit intensiv Selbsthilfegruppen, die im Kern nicht mit dem Finger auf die Umwelt zeigen, sondern Aufräumarbeit im eigenen Inneren für vorrangig betrachteten. Es beinhaltete auch, das ich für die Biographie meines Vaters Interesse zeigte. Ich wollte wissen, was diesen Mann dazu brachte, mich so zu behandeln. Ich wollte ein Verständnis erlangen, wieso er die Entscheidungen getroffen hatte, die er traf. Ich gab die Hoffnung nicht auf, in diesem sich mir gegenüber gezeigten gnadenlosen Tyrannen etwas menschliches zu finden. Zwischendurch gab es reichlich Momente, in denen mich der alte Schmerz heimsuchte und mich zur Verzweiflung brachte.

Vor diesem Schritt habe ich meinen Vater gehasst. Ich brauchte nur an ihn zu denken und war schlecht gelaunt. Gespräche mit ihm dauerten niemals länger als 2 Minuten und endeten in fürchterlichen Streitereien oder Wutausbrüchen. Wir haben uns gegenseitig nie zum Geburtstag gratuliert, traditionelle Treffen wie Weihnachten haben wir boykottiert, wenn wir wussten das einer von uns dort wäre. Dieser Hass übertrug sich sogar auf meinen Bruder, der mich immer schlichtend mitschleppen wollte.

Letztlich stolperte ich irgendwann über eine Geschichte die davon handelte, dass es eine Entscheidung sei, Dinge herum zu tragen. Ebenso ist es eine Entscheidung, Dinge loszulassen.
Die innere Auseinandersetzung, mich selber dazu zu entscheiden, dass ich vergeben werde um loszulassen und vor allem um Meinetwillen war ein langwieriger Prozess. Am Ende hat mich diese Entscheidung befreit. Zumindest ist auch der Hass weg!

Das tiefe Loch, einem Krater ohne Boden gleich ist leider noch da. Dort wo Urvertrauen sein sollte ist nur Ungewissheit, Unsicherheit und immer wieder auch Selbstzweifel. Dieses Urvertrauen, das man sein darf ohne etwas darzustellen, geliebt wird nur weil man da ist… ich habe keine Ahnung, wie sich das anfühlt.

Seit dem bin ich jedoch sensibler dafür geworden, ob und wann ich versuche, dieses “Schwarze Loch” mit Dingen füllen zu wollen. Dinge wie Menschen, Arbeit, Status oder Substanzen. Denn es bleibt eine Tatsache, dass in einem Leben in Mangel genau dieses Schwarze Loch immer größer wird, je mehr man dort hineinwirft.

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